Skip to content

It’s time to say good bye

1. September 2010

Es ist September und ich bin nun schon seit fast einem Monat wieder in Deutschland. Die letzten Tage in Indien vergingen so schnell, aber doch in Zeitlupe und die Tage in Deutschland sind von meinen Händen wie Wasser gelaufen. Eine Zimmer musste in Heidelberg musste gefunden werden, gestern habe ich mich eingeschrieben, die Friedrich-Ebert-Stiftung bereitet gerade ein umfangreiches Bewerbungsverfahren vor und ich konnte nicht warten, meine Freunde wiederzusehen.

Der zweite Kulturschock wiederzukommen ist fast schlimmer als der erste Kulturschock, als ich meine ersten Schritte in Indien ging. Leute haben mich blöd angeschaut wie ich aus der Flasche drinke (in Indien wird diese leicht über den Mund gehalten, um die Flasche nicht mit dem eigenen, möglicherweise verseuchten, Speichel zu beglücken). Aber ich denke, dass ich mich nun schon mit einer gewissen Sicherheit den deutschen Sitten wieder angepasst habe.

In einer Woche geht mein Seminar in Friedrichroda los. Es wird noch ein ausführlicher Bericht in Englisch und Deutsch folgen. Ich möchte an dieser Stelle meinen Spendern danken. Ihr habt mir das beste Jahr bisher möglich gemacht.

Vielen Dank

Felix

Aufbrechen, Packen, Verabschieden

26. Juli 2010

So, mein Zeit in Chickballapur und Peresandra neigt sich nun wirklich dem Ende zu. Morgen habe ich meinen letzten vollen Arbeitstag. Am Mittwoch arbeite ich nur noch halbtags und steige nachmittags in Bangalore schon in den Zug nach Kerala.

Ich schaue dem Abschied mit gemischten Gefuehlen entgegen. Ich freue mich nochmal auf indische Straende (da werde ich immer sentimental und philosophisch) und danach auf meine Freunde und Familie in Deutschland. Aber dennoch sind mir meine Kinder ans Herz gewachsen. Einige haben sich davon wirklich veraendert. Waehrend Sushmita (links neben mir im Foto) am Anfang meiner Arbeit ueberhaupt nichts gecheckt hat, keine inhaltlichen Zusammenhaenge und schon gar kein Englisch, ist sie jetzt in der Lage richtige Antworten auf Kannada-Englisch zu geben und ihr Wortschatz hat sich grandios verbessert. Simran (unten rechts) ist hochintelligent und staendig unterfordert. Mit ihr kann ich zwar keine englischen Diskussionen ueber Gott und die Welt fuehren, aber normale Gespraeche sind ihre Spezialitaet. Und wohlgemerkt, keines dieser Maedels ist mehr als zehn Jahre alt. Wenn die Schule also weiterhin Freiwillige hat, sehe ich eine blendende Zukunft (vorrausgesetzt ihre zukuenftigen Ehemaenner sperren sie nicht ein). Zwar ist es bei nahezu 200 Kindern unmoeglich Wunder zu schaffen, aber ein wenig hat meine Arbeit schon geholfen (meine gewaltfreie Ersiehung ist jedoch nicht auf die Kinder uebergegangen; es wird weiterhin munter geschlagen).

Am letzten Wochenende habe ich Aarons Ashram besucht. Der Ahsram leitet auch Schulen (Naeheres auf Aarons Blog, siehe Links). An diesen Schulen sah ich, was meiner Schule alles fehlt. Vom Raum und vom Lehrerpersonal ist in meiner Schule nur fuer halb so viele Schueler genuegend Kapazitaet vorhanden. Sie sitzen auf Baenken, wo die Latten rausbrechen, schreiben auf Tischen, den sie sich mit anderen teilen muessen, wo ebenfalls die Latten rausbrechen. Die Lehrer vermoebeln meine Kinder mit Stoecken, an den Ashramschulen ist sowas verboten. Es fehlen Computer, eine Schulmahlzeit und die Raeume sind so klein und es werden so viele Kinder reingequetscht, dass Ruhe unmoeglich ist. Natuerlich fuer das Schulleiterehepaar (in Indien ist alles Familienbusiness) ist es eine goldene Melkkuh und nicht ohne Grund werden die Kinder dort hingeschickt. Aber die Missstaende sind riesig und hier siehe ich eindeutig, dass Indien trotz aller luftgekuehlten Einkaufshaeuser und IT-Firmen in Bangalore zum ueberwaeltigenden Teil noch Entwicklungsland ist. Da ist nicht nur meine Schule hinten dran, sondern jede in den laendlichen Gebieten.

Was bleibt? Die Kosten fuer den Schulbesuch eines Kindes in der Ahramschule sind  ungefaehr 170 Eus pro Jahr (70 % bekommen ein Stipendium). An meiner Schule sind es 40 Eus, wovon viel (ich wuerde sagen unberechtigterweise viel) in die Taschen von Smita und Sharat wandert. Wenn man sieht, dass Europa in heuchlerischer Weise eine Kuh mit rund 700 Eus pro Jahr subventioniert, frage ich mich, wie wir eigentlich unsere Priotaeten setzen. Es laeuft nicht nur in Indien, sondern auch in Europa was falsch.

Und mal wieder in der Zeitung

15. Juli 2010

Gestern wurden zwei Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung veroeffentlicht. Fuer alle, die es nicht analog lesen konnten, gibts hier die digitale Version.

Einfach hier draufklicken MZ-Artikel vom 14. Juli 2010.

Fuer mich steht jetzt auch schon fest, wann ich meine Schule verlassen werde: am 28. Juli. Danach fahre ich mit Corinna und Paul, zwei deutschen Freiwilligen, nach Kerala zum Surfen. Die Uhr hat angefangen zu ticken und meine Kids koennen es ueberhaupt nicht verstehen, warum mich die indische Polizei ins Gefaengnis werfen wuerde, wenn ich nicht vorm 6. August abhaue. Ich geniesse jeden weiteren Tag mit meinen Kids, freue mich aber auch mal wieder alle Zelte einzuschlagen. Bis dahin!

Namaskara!

Auf den Punkt gebracht

8. Juli 2010

Meine Motivation meinen Blog weiterhin mit Leben zu fuellen ist nicht mehr sehr gross. Das haben bestimmt schon Einige meiner fleissigen Leser mitbekommen. Ich weiss nicht, woran es liegt, aber da ich in vier Wochen schon wieder auf deutschem Boden stehe, denke ich mir bei allen interessanten Sachen, ueber die ich noch schreiben koennte – das kann doch noch warten.

Die WM konnte ich ganz gut mir verfolgen, ausser das Match von gestern. Da ich sowieso kein Wochenende mehr in Chickballapur verbringe, sondern die restliche freie Zeit in Bangalore oder in Ooty mit Freunden und Partys verbringe, hatten wir immer einen Grund, uns zu sehen. Heute war ich ein bisschen depressiv – immerhin wurden unsere Hoffnungen mal wieder von den Spaniern zerstoert, aber ein Kind in meiner Schule zeigte eine so unerschuetterliche Liebe fuer Deutschland, da musste ich fast weinen.

Pushpa mit Deutschlandfarben

Die drei Punkte zwischen den Augen sind so indisch wie Huehnchencurry und Unpuenktlichkeit. Dass es in Deutschlandfarben kommt, ist eher ungewoehnlich. Andere Formen sind unter anderem:

ManojSathvikaMamtha

Der Punkt, in Indien gemeinhin als Tschukee bekannt, wird meist von Hindus getragen und kann, muss aber keine religioese Bedeutung haben. Muslime lehnen den Punkt strikt ab, waehrend einer meiner christlichen Tanten auch mal einen getragen hat. Einfach, weil ihn meine Freunde vermissen wuerden, nicht weil ich an Shiva oder Ganesha glaube, erklaerte sie mir.

Bei Frauen oder Maedchen ist der Punkt meist eher ein schmueckendes Detail, der kunstvoll gemalt oder auch als Metall angeklebt wird. Eine bestimmte Zeichnung zwischen den Augen kann aber auch Kaste oder einen Gott anzeigen, den man besonders in den Mittelpunkt seines geistigen Lebens stellen will. Die Jungs tragen bei mir meistens einen roten Punkt, einfach nur als Pulver an die Haut gedrueckt, manchmal auch noch mit ein bisschen Kreide drueber. Der rote Punkt, so jedenfalls die Lehrer, kann fuer den Gott des guten Gelingens, Ganesha stehen, der mit seinem Elephantenkopf sehr leicht zu erkennen ist oder fuer Raja Rajeshwari, wer immer auch das sein mag. Shiva-Verehrer malen sich einen Speer auf die Stirn, waehrend sich Rama-Anhaenger einen fetten Strich vom Haaransatz bis zu den Augenbrauchen pinseln.

Dass Witwen einen scharzen Punkt tragen muessen, und verheiratete Frauen einen roten, ist uebrigens ein Geruecht.

Ein Kannada-Institut in Deutschland?

21. Juni 2010

Kannada, die wahrscheinlich sinnloseste Sprache, die ich in meinem Leben gelernt habe. Wenn man von den Monaten absieht, die ich in Indien gelebt habe.

Ein Auslaender, der Kannada spricht, der erregt aufsehen. Und da die Menschen so stolz auf ihre Sprache sind, fragen sie mich oft, ob ich nicht die Landessprache des Bundesstaates Karnataka ueber die Grenzen Karnatakas bringen moechte. Nicht innerhalb Indiens, nein in Deutschland wohlgemerkt.

Unverstaendnis ruft dabei immer hervor, wenn ich erzaehle, welche indischen Sprachen man denn in Deutschland lernen kann. Am Suedasieninstitut der Universitaet Heidelberg kann man Hindi, Urdu, Telegu, Bengali und Tamil lernen, meist auch noch Sanskrit.

Das ruft erstaunen vor. Telegu und Bengali und Tamil, aber nicht unser liebes Kannada? Nur zum Hintergrund: Telegu und Kannada stehen im selben Verhaeltnis wie Bairisch und Hochdeutsch. Eigentlich nicht ganz so unterschiedlich, aber doch gegeneinander unverstaendlich.

Meine Gastfamilie, die mir schon den Spitznamen „Kannada-Pandit“ gegeben hat und mich aus Spass auch schon mal fragt, was denn dieses englische Wort  nun eigentlich im puren Kannada heissen wuerde, und meine Lehrer-Kolleginnen Majula und Karvita draengen mich schon, ein Kannada-Institut in Deutschland zu eroeffnen.

Wer Interesse hat, moege sich bitte bei mir melden…

Und? Mal wieder ne Kuh verspeist?

14. Juni 2010

Zu den Eigenarten der indischen Kultur und zu den bekanntesten Thesen, die im Westen von jedem Indienkenner herausgeschleudert wird, gehoert zweifelsohne, dass in Indien die Kuh heilig ist. Das ist auch der Grund, warum Kuehe die einzigen Verkehrsteilnehmer sind, die absolute Vorfahrt geniessen.

Leider.

Es gibt einfach nichts Koestlicheres – ich bitte hiermit um Verzeihung, wenn ich das nach ewigen Zeiten in welchen ich mit Reis und Samber ernaehrte, erwaehne – aber es gibt schlicht und einfach nichts Besseres als ein gutes Stueck vom Fahrzeug des Hindugottes Shiva zu essen. Denn Nandi, so der Name der Kuh, hat den Gott der Zerstoerung auf seinen vielen Abenteuern begleitet. Klar, wir wuerden auch keine Pferde essen, jedenfalls nicht freiwillig.

Gutes Rinder-Kebab (marinierte, scharfe und frittierte Fleischstueckchen) gibts bei uns direkt nebenan im Muslim-Viertel. Lustige Unterhaltungen zum Thema Kuh hatte ich auch immer in der Schule. So haben mich meine Kinder und die beiden Lehrerinnen Manjula und Karvita gefragt, was denn mein Lieblingsessen in Deutschland ist. Meine Antwort, und daran gibts nichts zu zweifeln, ist Ochsenschwanzsuppe. Nun ist das Konzept einer warmen Fleischbruehe  (und ebenso die Idee von Kaese) im laendlichen Indien absurd – so was gibt es hier einfach nicht. Also musste ich das erklaeren, Ochsenschwanz, in den Topf, kochen, schmeckt gut.

Das fanden meine Kinder ekelig. Und nicht nur die Hindus. Auch bei den doerflichen Muslimen ist der Versehr von Rindfleisch verpoent. Hier sieht man wieder einmal, dass Inder, egal ob Hindu oder Muslim, immer noch Inder bleiben, also schon ein und dasselbe Voelkchen.

Fuer Karvita und Manjula bleibt es unverstaendlich. Immerhin ist es fast so als wuerde ich Jesus Christus verspeisen. Deshalb empfahlen sie mir, dass ich die Mahabharata lesen sollte, ein Goetterepos des Hinduismus. Dort steht angeblich drin, warum man keine Kuehe essen sollte.

Ich erwiderte, dass sie sich bei Gelegenheit mal die Bibel anschauen sollte – da dort genau das Gegenteil drin steht.

Und so geht der Disput weiter und ich gruesse manchmal meine Kinder oder die Lehrer mit der gehaltvollen Frage: „Und? Mal wieder ne Kuh verpeist?“

Der Beweis

3. Juni 2010

So, jetzt kann jeder sehen, dass ich nicht ein Jahr irgendwo anders in der grossen weiten Welt verbracht habe, sondern wirklich in Indien. Das Taj Mahal steht bekanntlich wie kein anderes Monument fuer Indien. Kitschige Reiseprospekte wuerden sagen fuer wie ein Traum aus Tausend und drei Naechten.

Seit Dienstag bin ich nun wieder in meiner Schule, meiner Gastfamilie und meinem Chickballapur. Obwohl: Es ist nicht mehr laenger das Monopol von mir, sondern nun auch von Aaron. Aaron, ein Freund aus Pforte-Zeiten, musste aufgrund eines Wechsels im Management seines Projektes sein Projekt verlassen. Und so kommt er nun fuer die verbliebenen  Monate in unsere Schule. Am ersten Tag waren nur zehn von eigentlich 180 Kindern da. Der erste Schultag war ein Dienstag und der ist fuer Hindus kein guter Tage, um etwas Neues zu beginnen. Heute, am Donnerstag, sah das schon etwas anders aus, der Donnerstag ist ein guter Tag, um etwas neues zu beginnen. Aber da immer noch viele Kinder und vor allem die Schulbuecher fehlen, besteht der Unterricht aus Hangman und Stadt-Land-Fluss spielen, Lieder singen und rausgehen zum Spielen.

Nachdem nun die letzte grosse Etappe ansteht und der naechste Flug nicht mehr von Delhi nach Bangalore, sondern von Bangalore nach Europa geht, richtet sich auch der Blick wieder nach Deutschland. Studium, Stipendium und eine Bleibe in Heidelberg muss organisiert werden, Freunde moechte ich wiedersehen und endlich mal wieder eine Ochsenschwanzsuppe, Weisswurst oder Weissbier geniessen. Der groesste Teil meines Jahres ist nun vorueber und nur noch neun Wochenenden habe ich in Indien, von denen schon vier verplant sind. Gerade das zweite halbe Jahr ist wie im Flug vergangen und ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich vor zwei Monaten zum Reisen aufbrach; schon sitze ich wieder in Chickballapur.

Aber es steht fest: Die Zeit reicht langsam und ich weiss, dass Indien nicht der Ort ist, wo ich fuer laengere Zeit leben koennte.